Gächlingens 950-Jahr Feier
Solche Feiern haben immer einen willkürlichen Aspekt. Wer sagt denn, ob die erste Erwähnung wirklich zu dem ausgelesenen Zeitpunkt erfolgte? Gibt es nicht vielleicht irgendwo noch ein Schriftstück, wo ein früheres Datum erwähnt ist? Auch über die Echtheit der Beweismittel werden immer wieder Diskussionen geführt. Ganz abgesehen davon, dass unsere Gegend bereits viel früher ohne grosse Worte besiedelt wurde und solche Ersterwähnungen somit bloss lange Bestehendes erstmals ins Licht der geschriebenen Geschichte rücken.
In diesem Sinne: Am 11. Juli 1049 wurde unser Dorf erstmals in einer Urkunde des Kaisers Heinrich III. erwähnt, also vor 950 Jahren. Der Kaiser bestätigt in dieser lateinischen Urkunde eine Schenkung an das Kloster Rheinau. Unter anderem sind dort auch Wilchingen und Siblingen erstmals erwähnt.
Wie bereits gesagt, ist nichts so willkürlich (aus unserer lückenhaft dokumentierten Spätsicht), wie solche Datierungen. So muss ja die bestätigte Schenkung schon vorher erfolgt sein, vielleicht sogar längere Zeit vorher. Und so gingen sowohl Erwin Bührer in seiner kleinen „Geschichte der Gemeinde Gächlingen“ als auch Hans Reich in seiner „Geschichte der Gemeinde Gächlingen“ davon aus, dass die erste Erwähnung bereits im Jahr 870 erfolgte. Leider stellte sich diese Urkunde als gefälscht heraus. Offenbar enthielt sie aber trotzdem gewisse Tatsachen, weil die Urkunde von 1049 - auf die wir unser Jubiläum stützen - Teile der gefälschten Urkunde übernimmt - und zwar ausgerechnet diejenigen, welche unsere Gemeinde betreffen. Wegen einer Kontroverse über diese Urkundenfrage blieb 1970 eine geplante 1000-Jahr Feier in ihren Anfängen stecken.
Als gute Gächlinger - auch wenn ich immer noch Mauch bin, fühle ich mich dazugehörig - feiern wir die Feste, wie sie fallen. Weil dieser Bericht recht frühzeitig geschrieben werden muss und wir den Beschluss zu einer Feier erst kürzlich gefasst haben, stehen leider weder Datum noch Art der Feier bereits fest. Beabsichtigt ist ein eher kleiner, aufs Dorf und seine Bewohner beschränkter Umfang. Die Mitwirkung aller interessierten Kreise - Vereine, Institutionen, Einzelpersonen, Junge und Alte - wird gesucht und wer weiss, vielleicht gelingt uns wieder etwas Zündendes, Integrierendes. Wir lassen uns selber überraschen.
Und nun möchte ich unser Dorf, unsere Gemeinde doch etwas näher vorstellen:
Geschichte
Soweit mir das in der kurzen Zeit, die mir zur Verfügung steht, gelingen mag, versuche ich, Ihnen einen kleinen Abriss unserer Geschichte in Form von Schlaglichtern auf verschiedene Epochen zu vermitteln:
Die erste Besiedlung unserer Gemeinde muss bereits im 4. Jahrtausend v.Chr. erfolgt sein. Ausgegrabene steinerne Pfeil- und Speerspitzen und Beile sowie Keramikscherben und Feuerstellen lassen jungsteinzeitliche Siedlungen vermuten.
Wir machen einen grossen Sprung bis kurz vor der Zeitenwende, als unser Land unter Römerherrschaft geriet. Alle haben wir in der Geschichtsstunde von der Schlacht bei Bibracte gehört, wo die Helvetier von Julius Cäsar geschlagen und in ihre Heimat zurückgeschickt wurden. Die Römerstrasse, welche am Südrand unseres Dorfes vorbeiführt (ehemals von Vindonissa-Windisch über Zurzach und den Klettgau Richtung Juliomagus und Südschwaben) erinnert uns heute noch an jene Zeit. Und wer weiss, vielleicht beobachteten bereits damals „noch nicht Gächlinger“ das Geschehen auf dieser Strasse.
Die nachrömische Zeit, um 300 bis 500 nach Christus brachte die Besiedlung durch die Alamannen. Damals entstanden die Ortsnamen unserer Gegend mit der Endung „-ingen.“ Der Gründer unserer Ortschaft hiess offenbar Gahtilo (h als rauhes ch gesprochen) und aus Gahtelingen wurde nach und nach Gächtlingen und Gächlingen.
So einfach ist das; oder etwa nicht? Immerhin lebten dazwischen viele Generationen von Gächlingern, vielfach wahrscheinlich mehr schlecht als recht.
Also die Leute des Gahtilo nahmen sich das Land auf alemannische Weise zu Gemeineigentum. Vielleicht mussten sie es zuerst roden. Das bebaubare Land wurde in drei Zelgen - nämlich: die Zelg im Tal, die Zelg am Berg und die Zelg im Feld - aufgeteilt: eine Brachzelge und je eine mit Sommer- und mit Wintergetreide. Jede Zelg wurde alle drei Jahre durch Los den Gemeindegliedern neu zugeteilt. Später wurden, bedingt durch die wachsende Bevölkerung, die Parzellen innerhalb der Zelgen zu Privatbesitz. Ausserhalb der Zelgen lag die Allmend, bestehend aus Wiesland und Wald. Die Brachzelg sowie die Allmend (inklusive Wald) wurden beweidet.
Ums Dorf herum zog sich ein Grünhag, der sogenannte Etter. Die Dorfausgänge waren mit Gättern versehen, welche infolge ihrer schiefen Aufhängung von selber zufielen. Am Abend mussten zwei dazu beauftragte Gätterschliesser die Tore verschliessen.
Die ursprüngliche Gemarkung veränderte sich im Lauf der Jahrhunderte: hinzu kamen Teile des „abgängigen“ Dorfes Tettlingen (zwischen Siblingen und den Widen), die Hub mit dem Hürstenwäldchen und die Wetzenhöfe, Wetzenhofen genannt. Wald und Weidland im Bürchüehl und im Ghaa gingen an die Gemarkung Siblingen verloren, wobei jedoch ein grosser Teil des Waldes im Besitz der Gemeinde Gächlingen verblieb, jedoch ausserhalb deren Gemarkung,.
Erst mit dem Aufkommen der Kartoffel im 18. und des Klees im 19. Jahrhundert verschwand nach und nach die Drei-Zelgen-Wirtschaft und machte den modernen landwirtschaftlichen Anbaumethoden Platz.
Bis ins frühe Mittelalter waren die meisten Gächlinger freie Bauern und somit ihrem Grafen oder später den Vögten kriegsdienstpflichtig. Als diese Pflicht immer kostspieliger wurde - der Krieger benötigte Panzer und Pferd mitsamt der übrigen Ausrüstung - wurde die Ritterschaft zum Kriegerstand und die freien Bauern suchten sich ihren Schirmherrn, welchem sie zins- und teilweise fronpflichtig wurden. Apropos Adel: Erwin Bührer hat sogar eine Burg auf dem Gächlinger Randen ausgemacht, nämlich im Schönägertli (höchster Punkt auf dem Langranden) die ehemalige Burg Walterskilch. Und: Die Schnetzler zu Gächlingen waren als Snetzer niedrigen Adels und auch ein Geschlecht derer von Gehtlingen hielt sich bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts.
Mitte des 16. Jahrhunderts gehörten die Vogteirechte in Gächlingen endgültig der Stadt Schaffhausen, welche die Gemeinde der Obervogtei, später Landvogtei, Neunkirch unterstellte.
In der Gemeindegeschichte von Erwin Bührer finden sich relativ viele Episoden und Ereignisse aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Offenbar hat er besonders viele Unterlagen über diese Zeit des Barocks und der gnädigen Herren gefunden. Ein paar Müsterchen gefällig?
Thema Nachtwächter:
„Uff den 7ten Jenner des 1646 Jahrs hat man allhier zuo Gächlingen zwen Nachtwächter gesetzt. Im beiwesen der hochwohlgeacht und wohlwisen Herren Obervogt Johann Ludwigg Saller, Burger zuo Schaffhausen, der Zeit unser günstiger Obervogt zuo Nünkilch und der Herr Stadtschreiber“.
Es folgen Namen der Wächter und Lohn - 30 Gulden und ein Rütin zur Benutzung - sowie ihre Aufgabe: „.. mit dem Gedung, dass sie sollen alle Stund ruoffen an gwüssen Orten wie folgt:
Item der erste Ruoff soll sein by dess Fridly Böschen hauss by der Gass.
Item der ander Ruoff soll sein by dess Ulerich Heppen seligen Huss.
Item der dritte Ruoff soll sein by der Gmeind Stuben uff dem blatz“.
usw., bis um neunten Ruf.
Die Runde begann um neun Uhr. Sie mussten auch „die Junggesellen ab den Gassen vermanen, wenn es nüne ist. Auch die stubenden Häuser (Wirtschaften?) besuchen und ermahnen.“
Der erste Ruf lautete: „Höret, was ich euch will sage:
d’Glocke het nüne gschlage,
Händ Sorg zo Für und Liecht
dass uns der liebe Gott behücht.“
Im Sommer um drei, im Winter um fünf Uhr lautete der Ruf:
„Stand uf im Name Jesu Christ,
dieweil der Tag vorhanden ist,
der helle Tag, der mir vorlag,
Gott geb uns allen einen guten Tag!“
Thema Schützen:
Während und nach dem dreissigjährigen Krieg gab es in unserer Gegend viele Wölfe, aber auch Luchse und andere Viehfresser. Die Gemeinden rüsteten Wolfschützen aus, welche gegen Speis und Trank und eine Schussprämie für jedes erlegte Tier die Jagd aufnahmen. In den 20 Jahren zwischen 1646 und 1666 erlegten die Gächlinger Wolfschützen 211 Wölfe und 4 Luchse. An einer Treibjagd aller Wolfschützen anno 1656 in Löhningen wurden ein einziger Wolf und dummerweise einer der Jäger erlegt, welcher wegen seiner Pelzkappe für einen Wolf gehalten worden war.
Die Ortsbezeichnung „Schützenmauer“ erinnert an die damaligen Schützen, welche dort bereits ein Schützenhäuschen besassen. Im Zentrum der Scheibe sass ein Nagel und wer diesen auf den Kopf traf war Schützenkönig.
Thema Wasser:
Für unser Dorf, mitten im wasserarmen Chläggi gelegen, war dies ein ernsthaftes Dauerthema. Die ersten Bewohner nutzten die verschiedenen Quellen rund ums Dorf, so namentlich die Störchliquelle, das Konzenloch, die Quelle der Tolenwis und des Chapf. Dass Wasser knapp war beweist die Vorschrift, dass der obere Brunnen nur bei Wasserüberfluss laufen gelassen werden durfte. Eine Verbesserung ergab sich 1670, als eine Teuchelleitung (ausgehöhlte Baumstämme) von dem Tiefenbrunnen in der Grundlosen zum Stubenbrunnen (Gemeindehaus) gezogen wurde. Die Bestimmungen für dieses Wasserrecht füllen einen ellenlangen, schön gesiegelten und gut erhaltenen Vertrag in unserem Gemeindearchiv (Quelle: Hans Reich).
Unter anderem wird darin bestimmt, dass Ersatz-Teuchel keinen grösseren Durchmesser haben dürfen, als ihre Vorgänger.
Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Wasserversorgung gründlich reorganisiert. Alle Dorfbrunnen wurden in Stein ausgeführt und die Teuchel durch Metallrohre ersetzt. Eine Wasserfassung im Fröscheloch am Siblinger Randen brachte leider nur vorübergehende Entlastung bis schliesslich zwischen 1925 und 1936 unter etlichen Geburtswehen der Anschluss an die moderne Grundwasserfassung der Gemeinde Neunkirch (Zweckverband) - mit Ausbau 1950/51 und 1971/72 - erfolgte.
Im Jahre 1834 kam der im Störchli wohnende Weber Johann Lautenschlager auf die glorreiche Idee, sein Haus in ein Bad umzuwandeln. Er liess das Wasser der Störchliquelle durch den Apotheker Laffon in Schaffhausen untersuchen. Dieser fand, das Wasser sei zum Baden und zum Trinken gut. Die Gemeindeversammlung erteilte eine kostenlose Konzession auf 4 Jahre. Das Badegeschäft lief aber offenbar schlecht und unser Ort verpasste die Gelegenheit, ein kleines Zurzach zu werden.
Thema Feuerwehr:
Oberhalb des Gemeindehauses wurde eine Wetti gegraben, ein ausgemauerter Wassersammler, in den die Überläufe der Dorfbrunnen mündeten. Der Wettinmeister musste die Wetti jährlich im Frühling reinigen. Bei Feuersbrünsten wurden die Feuereimer in der Wetti gefüllt und gingen in der Kette von Hand zu Hand zum Brandherd. Die Gemeinde besass 1682 26 Feuereimer.
Jährlich wurde an der Neujahrsgemeinde die in der Offnung (Art Gemeindeverfassung) enthaltene Feuerordnung vorgelesen. Darin stand die Vorschrift, dass bei einem Brandfall „auss jedem Haus ein Mann und eine Weibsperson hinzu lauffen“ und das „nötige Geschier, Gelten und Kübel“ mitnehmen und beim Löschen helfen solle. Die übrigen mussten zu Hause bleiben und aufpassen, dass das Feuer nicht um sich griff.
Anfangs 18. Jahrhundert wurde eine Feuerspritze angeschafft und natürlich ein Reglement, die Spritzenordnung dazu aufgestellt: die Bedienung bestand aus 12 Mann, nämlich 4 „zum Regieren“ und 8 zu Treibern. Letzteren wurde jährlich zur Wiederwahl eingeschärft, sie „sollen nicht auf dem Kasten sitzen“.
Thema Gemeindeverwaltung und Gemeindeversammlungen
Die Gemeinden der Schaffhauser Landschaft waren unter den gnädigen Herren mit einer gewissen Handlungsfreiheit ausgestattet, die jedoch nicht sehr weit ging. Insbesondere durften die Landbewohner keine Gewerbe ausüben, die ihnen von der Stadt nicht ausdrücklich erlaubt worden waren. Als Gächlingen 1642 nach „unterthänigstem Anhalten“ die Erlaubnis erhielt, eine „Metzg“ zu eröffnen, musste der Metzger „ain tugenlicher Maister Metzgerhandwerks“ aus der Stadt sein. Die Jugendlichen ab dem Land - von Mädchen gar nicht zu sprechen - waren nicht zum Studium zugelassen.
Im Jahr 1571 bauten die Gächlinger ihr Gemeindehaus, das heutige Restaurant. Dort schaute der Stubenknecht oder Stubenwirt gegen einen Zins von 40 Gulden und 100 Pfund Schweinefleisch zum Rechten. Nach einer gewissen Zeit war er verpflichtet, in die Stube einen silbernen Becher von vorgeschriebenem Gewicht zu beschaffen. Zwei vom Dorfgericht - einer Art Vorgänger des heutigen Gemeinderats - gewählte Stubenmeister mussten das Wirtshausleben überwachen.
Von Zeit zu Zeit wurde in der grossen Stube Gericht gehalten. Das Gericht tagte unter dem Vorsitz des Obervogts, des Untervogts oder des Stabhalters. Es setzte sich zusammen aus den sieben ansässigen Gemeinderichtern und fünf Richtern aus einer Nachbarvogtei. Da Verbrechen in der Stadt gerichtet wurden, lagen die Kompetenzen des Gemeindegerichts hauptsächlich auf dem Gebiet der Zivil- und kleinen Polizeifällen.
Jährlich fanden sechs ordentliche Gemeindeversammlungen statt, nämlich:
die Neujahrsgemeinde
die Heuetgemeinde
die Erntegemeinde
die Traubenhütergemeinde
die Herbstgemeinde und
die Martinigemeinde.
Die beiden wichtigsten davon waren die Neujahrs- und die Martinigemeinde. Diese wurden mit Speis und Trank gefeiert.
Ich zitiere aus dem Büchlein von Erwin Bührer (etwas gekürzt):
„Auf die Neujahrsgemeinde wurden grosse Vorbereitungen getroffen. Die 100 Pfund geräucherter Speck, die der Wetzenmeier (Meier: eine Art Betriebsleiter oder Pächter auf dem Wetzenhof) gezinst hatte, wurden bereitgestellt. War der Metzger mit seinen 100 Pfund Rindfleisch und 2 Eimern Wein (jährlicher Lehenszins an die Gemeinde) im Rückstand, so wurden ihm Beine gemacht. Der Stubenknecht schlachtete eines seiner Schweine und zinste seine 100 Pfund Schweinefleisch. Vom „Kasten“ der Gemeinde wurde Getreide geholt und nach Schaffhausen zur Mühle geführt. Von den gnädigen Herren hatte die Gemeinde vorher die Erlaubnis für den Stubenknecht eingeholt zu backen (!).
Am vom Obervogt in Neunkirch festgesetzten Tag sammelten sich die Bürger (natürlich immer nur Männer) auf ein Glockenzeichen. Die Gemeindebehörden hatten sich an den Richtertisch gesetzt. Obenan sass in gelb und schwarz gestreiftem Röcklein „in seiner Gnädigen Herren Landesfarb“ der Untervogt.
Die Bürger setzten sich nach Würde und Alter getrennt an ihre Tische. Bei Verhandlungen ging die „Umfrag“ zuerst an den Richtertisch. Hierauf kam sie an einen langen Tisch beim warmen Ofen, wo die älteren Bürger sassen. Die Jüngeren sassen in der Reihenfolge ihrer Verehelichung an ihrem eigenen Tisch. Die übrigen Gemeindegenossen verteilten sich an zwei gevierte Tische in der Mitte der Stube und an die „Brautscheibe“. Jeder Tisch bildete für sich eine Gemeinschaft, eine sogenannte Tischgenossenschaft. Kein Bürger durfte den Tisch wechseln, ohne den bisherigen und den neuen Tischgenossen ein bestimmtes Tischgeld zu entrichten.
Der Obervogt und der Schreiber ritten an. Zuweilen wurden sie begleitet von den beiden Pfarrherren von Siblingen und Neunkirch, welche sich in die Seelsorge zu Gächlingen seit 1640 teilten.
Zuerst bestellte der Obervogt den Untervogt (oder „confirmierte“, d.h. bestätigte den bisherigen). Hierauf bestellte die Versammlung durch offenes Handmehr den Forster „allhier“, den Meier zu Wetzenhofen, den Metzger und dessen Bürgen und die beiden Nachtwächter, von denen der eine auch Tagwächter war.
Unterdessen „ernamsete“ der Obervogt in der kleinen Stube zwei Geschworene, von denen der eine zum Stabhalter bestimmt wurde. Der Vogt und die beiden Geschworenen erkoren nun noch drei Bürger als Räte.“
Vogt, Geschworene und Räte wählten nun noch folgendes Personal:
7 Richter
2 Brot- und Fleischschätzer
4 Ehegaumer
4 Marker
4 Feuerschauer
2 Stubenmeister
1 Wettinmeister
Die Gemeindeversammlung wählte:
2 Baumeister
2 Kastenvögte
1 Holzvogt
2 Hirtenmeister und
1 Brunnenmeister
Dann las der Obervogt allen gewählten und den übrigen Anwesenden ihre Pflichten mit lauter Stimme vor. Die Bürger sollen Gehorsam, Ehrlichkeit usw. beschwören, gemäss einem ellenlangen Artikel. Sie sollen ausserdem schwören, die Stadt verteidigen zu helfen und diverse andere Pflichten einzuhalten.
Nach dem Bürgereid kamen sämtliche Amtsträger an die Reihe, ihren Amtseid abzulegen. Als Beispiel sei genannt:
„Der
Ehegaumeren Aydt
Die Ehegaumer sollen schweren, dass Sy wollen uff allerley Laster ein fleissig, scharf und ernstlich Uffsehen haben und da sy jemands hörtindt, vernehmind und erfuhrind, Gott den Allmächtigen lesteren mit fluchen und schweren (schwören), dessgleichen spielen, auch Unzucht, Ehebruch und Hurerey, Item den Unfleiss des Kilchgangs ....., dass sie dieselbigen alle wollind bey dem Aydt, so sie hie schweren allewegen, ohnverzogenlich dem Obervogt ze rüegen und anzegeben. Derselbe soll solche ungehorsame Lasterhafte Persohnen anderem zue einem Exempel ernstlich straffen ..... usw.
Nach den Amtsträgern legte die Versammlung den Huldigungseid ab.
Anschliessend wurden die Bestimmungen über die Rechtsgeschäfte vorgelesen, sozusagen die Zivil- und Strafprozessordnung (nur für leichtere Vergehen wie Schlägereien ohne Blutvergiessen etc.).
Anschliessend wurde durch die beiden Baumeister die Gemeinderechnung vorgelesen, welche auf Martini des Vorjahres abschloss. Da gab es beispielsweise
· Einnahmen in Geld aus dem Verkauf von Ebern, Kühen oder Heu, aus Pachtzinsen
· Einnahmen in Getreide (Fäsen, Kernen, Haber) für Zinsen, Dreschen von Getreide durch die Gemeinde etc.
· Einnahmen in Wein: „23 Som (Saum = ca. 168 Liter), 4 Viertel (Viertel = ca. 10 Liter), 2 Mass (Mass = ca. 1,3 Liter)“, also Summa ca. 3’900 Liter Wein „ist diss Jahr (1646) lauth Weinrodels von Zinsleuten empfangen worden“.
· Ausgaben in Geld für 1 Paar Pistolen für die Wolfschützen (1664); einen Teil des Jahresgehalts des „Schulmeisters“; „dem Wetzenmeier wegen der Immen; für 2 Bratpfannen uszebessern; für die Schweineställe des Schulmeisters zemachen; mit dem Küeffer verbrucht, als er der Gmeind Fass gebunden; den Gätterschliessern als Lohn; 6 Pfd. 10 Sch. dem Herr Obervogt ins Bad verehrt; 5 Pfund 2 Schilling ihme an seine Hochzeit gaabet“; etc., dann für Fisch, Geflügel und Braten an der vorjährigen Neujahrsgemeinde; für „dem Vych die Horn“ abzusägen; beim Wein ablassen etc.; dann 41 Pfund 13 Sch. „umb 15 neuw Fürkübel zemachen und etlichen alten ze verbessern (1648)“; und so weiter und so fort.
· Ausgaben in Getreide für diverse Gehälter, oder zum Tausch oder für die Saat.
· Ausgaben in Wein auch für Besoldungen; „2 Saum 7 Viertel (ca. 400 Liter !) an der Neuwen Jahresgmeind verbraucht (1646); ...; 1 Saum 8 Vrtl. an der Sichelhenki verbraucht; ...; 8 Vrtl. den Tröschern in 2 Malen Staubwein; 3 Mass als man dem Äber die Zähn abbrochen“; für Deuchel und beim Verlegen derselben; an der Martinigemeinde und „2 Som ussgerunnen, ist ein Löchli in der underen Dugen (?) gsein.“
Nach der Abnahme der Rechnung war die Neujahrsgemeinde zu Ende und der gemütliche Teil begann. Ich zitiere wieder Erwin Bührer:
„Aber keiner der Bürger dachte ans Heimgehen, denn nun sollte der Teil der Versammlung anheben, da die Bürger und die Vorgesetzten sich von einer traulicheren Seite kennen lernen sollten. Die Stubenmeister hatten im Keller die Gemeindefässer geöffnet und die silbernen Stubenbecher begannen ihre Runde. Eine schmucke Magd erschien und wünschte der Gemeinde, wohl in Versform, ein gut Neujahr. Ein Spielmann aus Schwabenland fehlte auch nicht ... Wie fröhlich die Versammlung auseinander ging, erhellen die Gemeinderechnungsbücher, welche durchschnittlich für jeden Bürger einen Neujahrstrunk von 2 Liter Wein berechnen lassen.“
Zeit nach 1798
Die oben beschriebene Ordnung blieb in grossen Zügen bestehen bis zum Jahr 1798, dem Jahr des Kongresses zu Neunkirch. Über den Kongress ist 1998 viel geschrieben und gesprochen worden. Nach Helvetik, Mediationsverfassung und Restauration gab sich der Kanton Schaffhausen im Jahre 1831 eine neue, liberale Verfassung. Der Sonderbundskrieg im Jahr 1847 brachte dann auch die grosse, seit langem sich anbahnende Zäsur auf Bundesebene. Im darauffolgenden Jahr 1848 folgte nämlich die erste eidgenössische Verfassung. Sie wurde in der Volksabstimmung vom 20. August 1848 im Kanton Schaffhausen wuchtig angenommen, allerdings nicht von den Gächlingern, welche, zusammen mit Unterhallau, Beringen, Löhningen, Siblingen und Guntmadingen, eine Nein-Mehrheit zusammenbrachten.
Damit brach eigentlich die Moderne an, welche auch in unserer Gemeinde wesentliche Veränderungen hervorbrachte, wenn diese auch nicht so grundlegend ausfielen, wie dies etwa in den grossen Industrie- und Verkehrszentren der Fall war.
Bevölkerungsentwicklung
Diese war geprägt vom starken Wachsen der Bevölkerung während des 19. Jahrhunderts und gleichzeitig dadurch, dass die fortschreitende Industrialisierung und die Rationalisierung in der Landwirtschaft die Erwerbsgrundlagen immer knapper werden liessen. Grosse Teile der Bevölkerung verarmten, es brach die Zeit der grossen Auswanderungswellen an. Dazu einige Zahlen über die Einwohnerschaft (Quelle bis 1979: Hans Reich):
Diese betrug im Jahre 1801 705 Einwohner
im Jahre 1838 1092 Einwohner
1850 1194 höchster Stand
1860 1013
1870 1015
1880 956
1900 794
1930 691
1950 682
1970 604
1979 640
1998 824
Erst seit Ende der 70er Jahre hat unsere Bevölkerung also wieder zugenommen. Vor allem gegen Ende des 19. Jahrhunderts zogen jedoch aus der ganzen Schweiz Tausende Auswanderer - heute sagt man ihnen bei uns Wirtschaftsflüchtlinge - in die ganze Welt. Hauptziele waren die USA und Brasilien, vereinzelte Familien zogen auch nach Südafrika oder Russland. Hans Reich hat in seinem Buch dieser grossen Tragödie ein ausführliches Kapitel aufgenommen.
Er erwähnt dort auch das Schicksal der Rückwanderer aus Russland vor und während des 2. Weltkriegs. Diese Gächlinger Bürger kamen nach unsäglichen Mühen und Strapazen völlig mittellos in unsere Gemeinde zurück. Sie waren zuvor vom kommunistischen Stalin-Regime enteignet und aus ihren teilweise recht grossen Landwirtschaftsbetrieben vertrieben worden. Viele Männer wurden nach Sibirien verbannt. Heute noch leben in unserem Dorf vereinzelte Familienangehörige dieser Rückkehrer, die sich noch an jene Ereignisse zu erinnern vermögen, welche sich in ihrer Kindheits- oder Jugendzeit ereigneten.
Heutige Dorfgemeinschaft
Damit sind wir in der Gegenwart angelangt. Unser Dorf, bis vor ein paar Jahren noch eine typischen Klettgauer Bauerngemeinde, trägt heute ein recht vielfältiges Gesicht. Einesteils ist es mit seinen rund 20 Landwirtschaftsbetrieben (der grösste Teil immer noch Vollerwerbsbetriebe) und dem umfangreichen Rebgelände noch recht stark mit der Landwirtschaft verhaftet. Davon zeugen auch die aktive landwirtschaftliche und die Rebbaugenossenschaft.
Das Gewerbe ist mit einigen alteingesessenen und neueren Betrieben nicht sehr umfangreich, bietet aber doch etliche Arbeitsplätze an. Auch Dienstleistungsfirmen haben sich in den letzten Jahren in erfreulicher Zahl angesiedelt. Sowohl in Gewerbe als auch in verschiedenen Dienstleistungszweigen sind initiative Leute in unserem Dorf tätig, die sich auf Nischen spezialisiert haben und dort innovativ und erfolgreich tätig sind. Zu den Dienstleistungsfirmen gehört auch der grösste Arbeitgeber im Dorf, das Pflegeheim Sonnmatt. Deren Insassen sind aus unserem Dorfleben nicht mehr wegzudenken.
Daneben gibt es, vor allem in den neuen Einfamilienhausquartieren, eine grosse Anzahl von Einwohnern, die ausserhalb des Dorfs ihrem Erwerb nachgehen. Zusammen mit den Kanti- und andern Schülern ist ein grosser Teil von ihnen auf ein gutes öffentliches Verkehrsmittel angewiesen. Nach der Umstellung des ehemaligen „Schlaatemer Bähnleins“ auf Busbetrieb Ende der sechziger Jahre wurde Gächlingen mit einer Schleife der ASS erstmals in den öffentlichen Verkehr eingebunden. Dank der hervorragenden Fahrplanpolitik dieses Betriebs sind wir sehr gut mit der Kantonshauptstadt verbunden und damit auch an den nationalen und internationalen Zugverkehr.
Vereine und Freizeit
Die gute Durchmischung unserer Einwohnerschaft trägt viel zu einem lebhaften Dorfleben teil, das geprägt ist von der Tätigkeit unserer Vereine. Musikgesellschaft, gemischter Chor, eine Turnerschaft, bestehend aus Mädchen- und Jugendriege, Damenturnverein und Turnverein sowie Frauen- und Männerriege, Schützenverein und Landfrauenverein bieten sich unseren Einwohnern an. Insbesondere bietet sich unserer Jugend Gelegenheit für eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung, welche auch von zahlreichen Kindern und Jugendlichen beiderlei Geschlechts genutzt wird. Die nahe Kantonshauptstadt bietet auch den Liebhabern eher klassischer Kultur ein breites Tätigkeits- und Besuchsangebot.
Daneben hat unsere schöne Landschaft viele Möglichkeiten zur Freizeitbeschäftigung bereit, die von unserer Bevölkerung dankbar genossen werden. Allein auf unserem Gemeindegebiet kann man von der Klettgauerrinne auf den Randen mit fast 900 m über Meer gelangen. Dabei bietet sich die Gelegenheit zu vielen Naturbeobachtungen, seien dies nun interessante geologische Formationen, Vogelarten, seltene Pflanzen oder Wild - viele Leute wissen nicht, dass sich im Gächlinger Jagdbann nebst etlichen Wildsauen auch ein Rudel Gemsen aufhält. Unsere Forstverwaltung hat in den letzten Jahren mit „Schmetterlingswiesen“ und pflegearmen Randenhalden sowie der Ausrichtung des Bestands auf standortgerechte Bepflanzung einiges getan, den Wald vielfältiger zu gestalten und damit auch als Erholungsgebiet aufzuwerten. Nebst natürlich der wirtschaftlichen Nutzung, die allerdings mit dem Zerfall des Holzpreises in den letzten Jahren einiges an Attraktivität eingebüsst hat.
Schule und Kindergarten
Unser Schulwesen begann praktisch mit der Einführung der Reformation durch die Obrigkeit Mitte des 16. Jahrhunderts. Wohl gab es vorher einzelne spärliche Gemeindebürger, die den Vorzug besserer Ausbildung geniessen konnten. Diese wurde damals hauptsächlich durch kirchliche Institutionen vermittelt. Im Jahr 1555 wurden die Landgeistlichen aufgefordert, mit den Knaben (!) ihrer Gemeinde an jedem Arbeitstage Schule zu halten. Da Gächlingen damals kirchlich zu Neunkirch gehörte, hätte der dortige Pfarrer mit seinem Helfer die hiesigen Schüler unterrichten müssen. Die Kirchgemeinde Neunkirch umfasste aber noch weitere Dorfgemeinden. Damit waren die beiden Geistlichen überfordert und Gächlingen erhielt alsbald einen eigenen Schulmeister. Dieser wurde im 17. Jahrhundert wie folgt besoldet:
· 2 Saum Wein (ca. 330 Liter)
· 6 Mutt 2 Viertel Kernen (ca. 440 kg Getreide)
· den Ertrag des Schulfelds
· 13 Pfund 10 Schilling an Geld (etwa der Wert einer Kuh)
Diese Besoldung entsprach der eher dürftigen Ausbildung der damaligen Landschulmeister. Um diesem Missstand abzuhelfen, schrieb die Regierung Ende des 17. Jahrhunderts eine Prüfung für angehende Schulmeister vor. Trotzdem waren die meisten Landschulen eher schlechte Kinderhorte denn Stätten der Ausbildung. Auch liess der Schulbesuch bedenklich zu wünschen übrig. Die Klassengrössen waren jenseits von Gut und Böse, in Gächlingen unterrichteten die zwei Lehrer über 180 Schüler!
Erst nach 1826 begann sich dies zu ändern. Damals trat die neue Landschulordnung in kraft, welche nur noch Lehrkräfte zuliess, welche ein Seminar besucht hatten. Ältere Lehrer konnten damals in Kursen ihre Bildung nachholen oder mussten auf die Lehrtätigkeit verzichten. Unsere Dorfschule war bis zu dieser Zeit im Gemeindehaus (heutiges Wohnhaus zwischen Restaurant und Verwaltungsgebäude) untergebracht. In den Jahren 1827 - 1828 wurde das heutige Schulhaus gebaut. Dieses wurde nach einigen Renovationen letztmals 1996 um zwei Schulzimmer erweitert.
Die heutige Turnhalle stammt aus dem Jahre 1962. Vorher wurde der Singsaal im Schulhaus, der jetzige Werkraum, als Turnlokal benützt. Der Turnplatz wurde vor ein paar Jahren zeitgemäss neu eingerichtet.
Der Kindergarten hatte eine Vorgängerin in Form der Kinderbewahranstalt (zwischen 1855 und 1926). Mit der neuen Landschulordnung von 1926 wurde auch die moderne Form des Kindergartens ins Leben gerufen. Bis 1957 war er vorerst im alten Schulhaus und nachher im heutigen Gemeindehaus (Verwaltungsteil) untergebracht. Im Jahr 1957 wurde der ältere Teil des jetzigen Kindergartens gebaut. Im Jahr 1993 wurde er um ein Zimmer erweitert.
Nach der sechsten Klasse besuchen unsere Schüler die Orientierungsstufe in der Nachbargemeinde Neunkirch, wo 1997/98 unter finanzieller Mitwirkung der Gemeinden Siblingen und Gächlingen ein Erweiterungsbau erstellt wurde und gegenwärtig das bestehende Schulhaus Randenblick umgebaut und renoviert wird.
Kirche
Im Jahr 1126 wurde die erste, dem Apostel Jakobus geweihte, Kapelle in unserem Dorf gebaut. Während einiger Zeit war Gächlingen eine eigene Kirchgemeinde mit Begräbnisrecht. Im Zuge von Sparmassnahmen - wie man heute zu sagen pflegt - wurden nach einiger Zeit die Kirchgemeinden von Osterfingen, Hallau, Ergoltingen, Siblingen und Gächlingen durch den Bischof von Konstanz dem Pfarramt von Neunkirch unterstellt. In den Jahren 1529 wurde die Reformation in der Stadt und 1530 auf der Landschaft Schaffhausen eingeführt. Als 1640 Siblingen wieder einen eigenen Pfarrer erhielt, war dieser für die Aufsicht in der Gächlinger Schule und für die Mittwochspredigten zuständig. In den Jahren 1617 und 1711 wurde die St. Jakobs Kapelle erweitert.
Für die Überwachung von Sitte und Anstand war ebenfalls die Kirche in Form der Ehegaumer zuständig. In einem der zahlreichen Sittenmandate, die jeweils von der Kanzel verlesen wurden, verbot die Regierung im Jahre 1685 zum Beispiel das Rauchen mit der Begründung es seien „von dem Tabacktrinken grundverderbliche Feuersbrunsten entstanden“ und viele seien „in diesem Unwesen dermassen ersoffen, dass die Pfeiffe sie immerfort an ihrem stinkenden Munde haben“ und so an Kleidern und Haaren stinkend am Sonntag sogar in die Kirche und zum Sakrament gegangen.
Im Jahre 1806 wurde Gächlingen nach Streitereien mit der Kirchgemeinde Neunkirch wieder zu einer Pfarrei erhoben und erhielt ihren Teil am Kirchengut ausbezahlt, nämlich 18’000 Gulden und einen Weinberg im Schlemmweg. Bereits 1807 bauten die Gächlinger das heutige Pfarrhaus, nachdem sie bereits im Chloster einen Friedhof angelegt hatten.
Der erste Pfarrer, Johann Martin Altorfer, bisheriger Pfarrer von Hemmenthal, trat erst 1808 sein Amt an, bis dahin amtete als Verweser der Siblinger Pfarrer.
Der Bau der heutigen Kirche wurde im Jahre 1843 beschlossen. Zwei Jahre später wurde sie eingeweiht, zusammen mit dem neuen Friedhof. Die bisherige Kapelle wurde zum Armenhaus umgebaut.
In den Jahren 1924 und 1925 erfolgte eine umfassende Innenrenovation, von der heute noch die schöne Holzdecke zeugt. Damals wurde auch die Kanzel von der Turmwand an der Südseite auf die Ostseite verlegt und die Sitzordnung entsprechend umgestellt.
Der heutige Boden und die Bänke, sowie die südlichen Glasfenster - ein Geschenk der Herren Hans Müller, Genf und Alfred Müller, Luzern, stammen aus dem Jahr 1976. Dieselben Herren Hans und Alfred Müller stellten bereits 1977 die nötigen Mittel für die restlichen sieben Fenster zur Verfügung. welche wiederum vom Künstler Franco Giulio Giacomel aus Zürich ausgeführt wurden. Die beiden Herren Müller wurden dafür 1978 zu Ehrenbürgern ernannt.
Etwas vorher, 1975, stellten zwei unabhängige Experten fest, dass die Orgel aus dem Jahr 1872 nicht mehr zu retten war. An der denkwürdigen Gemeindeversammlung von 1979, als für die Restfinanzierung der neuen Orgel ein Kredit von Fr. 80’000 zur Diskussion stand, konnte der ehemalige Gemeindepräsident Hermann Murbach als Beauftragter von Erna und Alfred Müller-Hodel mitteilen, dass das Ehepaar unserer Gemeinde Fr. 100’000 für die neuen Orgel schenke. Damit wurde der Weg frei für deren Einbau und am 22. März 1981 wurde sie eingeweiht.
Gemeindehaus
Bereits weiter oben wurde über den Bau des heutigen Restaurants berichtet. Dieses Gemeindehaus ging nach einem Beschluss der Gemeindeversammlung im Jahre 1869, mit Ausnahme des Türmchens und der Uhr, in den Besitz des damaligen Stubenwirts über. Türmchen und Uhr verblieben im Besitz der Gemeinde und werden vom jeweiligen Wirt gegen ein Entgelt gewartet.
Der westliche Teil des Gemeindehauses, die ehemalige St. Jakobs Kapelle, war von 1845 (nach Aufhebung der Kapelle) bis 1873 Armenhaus. Bereits vorher, 1851, wurde ein Gemeindesaal eingebaut, worin dann bis 1972 die Gemeindeversammlungen abgehalten wurden. Nach Annahme des Frauenstimmrechts wurden diese aus Platzgründen in die Turnhalle verlegt. Ein Sitzungszimmer war für die Gemeinderatssitzungen bestimmt. Die untere grosse Stube des ehemaligen Armenhauses war Stimmlokal oder diente sonstigen Gemeindezwecken. Im Estrich befanden sich zwei gfürchige, hölzerne Arrestzellen, welche jetzt im Museum Neunkirch zu sehen sind.
Im Jahr 1973 wurde im ehemaligen Kindergarten die Gemeindekanzlei und fünf Jahre später vivavis das Postbüro eingerichtet. Im gleichen Jahr richtete die Spar- und Leihkasse erstmals einen Schalter im ehemaligen Schwesternzimmer ein.
Dies war der Zustand vor dem grossen Umbau des Jahres 1990. Damals konnte letztmals ein Eindruck von der Raumwirkung der ehemaligen Kapelle gewonnen werden, weil das Gebäude vollkommen ausgehöhlt worden war. Durch den Umbau wurde es zu einem zweckmässigen Verwaltungsgebäude mit Post und Bank im EG, Gemeindeverwaltung, Archiv und Sitzungsräumen im 1. OG und einem heimeligen Saal mit Office im Dachgeschoss. Ein grosszügiges Treppenhaus und ein Lift erschliessen die oberen Stockwerke und das ganze Gebäude ist rollstuhlgängig eingerichtet.
Mehrzweckgebäude
Als letztes öffentliches Gebäude wurde 1997/98 das Feuerwehrmagazin, zusammengebaut mit dem Bauamtsgebäude errichtet. Dort befindet sich auch der Entsorgungsplatz mit den verschiedenen Deponien.
Insbesondere die Feuerwehr litt jahrelang unter dem Platzmangel, der sie zwang, ihre Geräte und Fahrzeuge im ganzen Dorf verzettelt aufzubewahren. Insbesondere bei Ernstfällen waren die Enge und die Verzettelung Quellen von Zeitverlusten und Stresssituationen.
Aber auch der Gemeindeangestellte war in einer wenig komfortablen Situation. Die grösseren Maschinen und Geräte mussten teilweise im Freien verbleiben und die Werkstatt- und Magazinräume waren äusserst unzweckmässig eingerichtet.
Schlussbemerkung
Damit habe ich das Ende meiner kleinen Chronik erreicht. Wie fast alle Gemeinwesen unseres Kantons belasten uns etliche finanzielle Sorgen, resultierend aus den zurückgehenden Steuereinnahmen kombiniert mit den steigenden Lasten, welche wir teilweise Bund und Kanton abnehmen müssen; aber auch aus den grossen Investitionen, die sich in den letzten 9 Jahren auf über 6 Mio Franken aufsummierten. Glücklicherweise konnte in den Hochkonjunkturjahren ein beträchtlicher Teil dieser Summen aus den Einnahmen bezahlt werden, so dass die Schulden nicht mit den Ausgaben zusammen anwuchsen.
Die lebhafte Benützung unserer Einrichtungen zeigt aber auch, dass ihre Erstellung nötig war.
Als Berichterstatter, der seit einundzwanzig Jahren hier wohnt und sich mit seiner Familie äusserst wohl fühlt, kann ich nur bestätigen, dass es schön ist, hier zu leben und am Leben der Mitbürger teilhaben zu können. In diesem Sinne möchten wir auch die vorgesehene Feier begehen und dabei - vielleicht - all jener gedenken, die während vieler Generationen dieses Dorf aufgebaut und geprägt haben.
Darf ich ganz zum Schluss nochmals zitieren, diesmal aus dem Lied von Otto Uehlinger „Im Chläggi dihaam“, dem Klettgauer Lied:
Ich hoffe, gohsch mir nie verloore,
Chläggi, Haamet wundersaam,
wär im Chläggi ischt geboore,
ischt am schöönschten Oort dihaam!
Zum Glück muss ich das als bernischer Mauch nicht vorlesen. Aber dieses „Haamet wundersaam“ kann ich nur von ganzem Herzen bestätigen.
Fritz Lerch, Gemeindepräsident